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Man darf sich an dieser Stelle durchaus nicht vergreifen, so gross auch die
Verführung ist, welche im christlichen, will sagen kirchlichen Vorurtheil
liegt: Eine solche Symbolik par excellence steht ausserhalb aller Religion,
aller Cult-Begriffe, aller Historie, aller Naturwissenschaft, aller
Welt-Erfahrung, aller Kenntnisse, aller Politik, aller Psychologie,
aller Bücher, aller Kunst - sein "Wissen" ist eben, die reine
Thorheit darüber, daß es Etwas dergleichen giebt. Die Cultur ist ihm
nicht einmal vom Hörensagen bekannt, er hat keinen Kampf gegen sie
nöthig, - er verneint sie nicht ... Dasselbe gilt vom Staat, von der
ganzen bürgerlichen Ordnung und Gesellschaft, von der Arbeit, vom
Kriege - er hat nie einen Grund gehabt, "die Welt" zu verneinen, er
hat den kirchlichen Begriff "Welt" nie geahnt ... Das Verneinen ist
eben das ihm ganz Unmögliche. - Insgleichen fehlt die Dialektik, es
fehlt die Vorstellung dafür, daß ein Glaube, eine "Wahrheit" durch
Gründe bewiesen werden könnte (- seine Beweise sind innere "Lichter",
innere Lust-Gefühle und Selbstbejahungen, lauter "Beweise der Kraft"
-) Eine solche Lehre kann auch nicht widersprechen, sie begreift gar
nicht, daß es andre Lehren giebt, geben kann, sie weiss sich ein
gegentheiliges Urtheilen gar nicht vorzustellen ... Wo sie es
antrifft, wird sie aus innerstem Mitgefühle über "Blindheit" trauern,
- denn sie sieht das "Licht" -, aber keinen Einwand machen ...
-- Friedrich Wilhelm Nietzsche
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